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Liebe Freunde,
es ist wieder einmal Zeit, Euch einen ausführlichen Bericht über unsere Arbeit zu schreiben. Das vergangene Jahr hat viele neue und unvergessliche Erfahrungen gebracht. Die Arbeit in der eigentlichen Kinder- und Jugendwohngemeinschaft - in der 25 Kinder und Jugendliche, Jungen und Mädchen zwischen ungefähr 6 und 18 Jahren leben - ist zwar nie einfach, aber größere Probleme hatten wir, Gott sei Dank, dieses Jahr nicht. Die neuen Werkstätten, Schreinerei und Bäckerei - beide mit dem Nötigsten eingerichtet - haben begonnen zu funktionieren. Wir denken, dass es sehr wichtig ist, dass die Jugendlichen so viele handwerkliche Fähigkeiten erwerben wie nur möglich, denn in einer Gesellschaft, in der 70% der Bevölkerung von der Schattenwirtschaft oder vom Schwarzmarkt leben, werden diese Fähigkeiten ihnen ermöglichen, davon zu leben, auch wenn sie nicht einen „richtigen" Beruf nach europäischem Standard erlernen oder gar studieren. Neben der Schreinerei und der Bäckerei gibt es noch andere kleine Werkstätten und Arbeitsgruppen, so die Karten- und die Nähwerkstatt, die Küche und den Gemüse- und Obstgarten. Andere Aktivitäten wie die Spiel- und Lesewerkstatt, Aufgabenhilfe, Theater und Musik ergänzen die Palette von erzieherischen Angeboten.
Seit diesem Jahr verwalten wir außer der Kinder- und Jugendwohngemeinschaft auch das Studenten- und Lehrlingsheim Luis Espinal, das durch ein Stipendiensystem jungen, teilweise behinderten Erwachsenen ermöglicht, einen Beruf zu erlernen oder zu studieren. Leider ist die Begleitung und Kontrolle scheinbar viele Jahre vernachlässigt worden und es gab Schwierigkeiten, wieder einigermaßen vernünftige Verhältnisse zu schaffen. Aus diesem Grund musste auch der Verantwortliche, Amador Rojas, entlassen und einigen Jugendlichen nahe gelegt werden, das Heim zu verlassen. Am Anfang waren 30 junge Erwachsene in der Liste, am Jahresende noch 23, die z.Zt. folgende Berufe erlernen oder studieren: 1 Medizin, 3 Krankenschwestern, 1 Betriebswirt, 6 Buchhaltung , 2 Informatik, 1 Sozialpädagogik, 1 Erziehung, 1 Lehrer, 1 Sozialarbeit, 2 Zahnmedizin, 2 Bauingenieur, 1 Jura, 1 Maschineningenieur, 1 Elektronik.
Auch das Gebäude des Lehrlings- und Studentenheims befindet sich leider in einem bedauerlichen Zustand und dringende Renovierungsarbeiten stehen an. Wir haben von einem Architekten einen Vorschlag eingeholt und die Arbeiten haben bereits begonnen. In einer ersten Phase werden zuerst die sanitären Einrichtungen, die Küche, die Zimmer und das Dach saniert. In einer zweiten Phase sollen dann die Frauen- und Männerunterkünfte voneinander getrennt werden. Dazu sollen alle gemeinschaftlich genutzten Räume (Essraum, Versammlungs- und TV-Raum, Computerraum, Studierraum, Büro und Kapelle) im Mittelbereich angesiedelt werden. Wir sind der Meinung, dass „Luis Espinal" nur vernünftig funktionieren kann, wenn sich auch das Gebäude in einem einigermaßen anständigen Zustand befindet.
Die vier Jugendlichen von Tres Soles, die sich schon vorher in einer Berufsausbildung befanden, sind auf eigenen Wunsch nicht ins Lehrlings- und Studentenheim eingezogen und wohnen immer noch in gemieteten Zimmern. RolandoTinta studiert an der Universität von Cochabamba Veterinärmedizin, Omar Callisaya an der Theaterschule in Santa Cruz, Omar Quispe macht eine Ausbildung als Elektroniker und Sergio Váldez als Musiklehrer. Es ist aber vorgesehen, dass in Zukunft alle Jugendlichen von Tres Soles in das Lehrlings- und Studentenheim übersiedeln, wenn sie volljährig werden und einen Beruf erlernen wollen.
Ein anderes Thema, das uns dieses Jahr doch einige Probleme verursacht hat, ist wieder einmal die politische Situation. Zwar haben gerade die Ärmsten - und das sind weit über 50% der Bevölkerung! - von den Maßnahmen der sozialistischen Regierung von Evo Morales profitiert, aber es ist auch eine gewisse Ausländerfeindlichkeit entstanden und in den letzten Jahren ist in Bolivien der Druck auf ausländische Organisationen stark gestiegen. Außerdem gibt es neue Bestimmungen vom Jugendamt und den Migrationsbehörden, die begonnen haben, die Aufnahme von ausländischen Freiwilligen einzuschränken mit der Begründung, dass alle „Spione" seien (wörtlich!). Wir befürchten, dass dies der Beginn einer Kampagne sein könnte, um Ausländer und ausländische Organisationen aus dem Land zu vertreiben.
Wie Ihr alle wisst, war ich außerdem letztes Jahr auf Lesereise, um mein Buch über Tres Soles vorzustellen. Es war eine „Monstertour" von fast vier Monaten mit unzähligen Lesungen. Ohne die Mithilfe von vielen Freiwilligen wäre das alles gar nicht möglich gewesen. Sie haben für mich die Lesungen organisiert, Bücher verkauft und Internetdaten aktualisiert. Außerdem haben sie für mich gekocht, mir Schlafmöglichkeiten geboten und mich kreuz und quer durch den ganzen deutschen Sprachraum chauffiert - im Westen bis an die belgische Grenze, im Norden bis nach Schleswig-Holstein, im Osten bis an die Oder, im Süden Österreichs bis fast nach Slowenien und dann über St. Gallen und Bern bis zu meinem ehemaligen Wohnort Gstaad im Berner Oberland. Es ist wahr, es sind unterschiedlich viele Leute gekommen, von vier in Flensburg bis über hundert in Gstaad, aber alle haben sich Mühe gegeben und ihr Bestes getan.
Wahrscheinlich würde ich eine solche Lesereise nicht mehr alleine und nicht mehr so lange machen, aber ich glaube, es war sehr wichtig, dass ich diese Arbeit gemacht habe, um zu sehen, wo und wie es funktioniert. Es war auch wichtig, alte und neue Kontakte zu pflegen, denn nur dadurch kann der Förderkreis von Tres Soles aufrechterhalten und erweitert werden. Ich bin gegen die „Bettlermentalität", sowohl in der Erziehungs- als auch in der Promotionsarbeit, das heißt, es soll nicht einfach die Hand ausgestreckt werden, sondern es soll etwas geboten werden. In diesem Sinn ist die Lesereise bestimmt als Erfolg anzusehen und ich konnte meine Rückreise nach Bolivien mit dem guten Gewissen antreten, etwas für die finanzielle Absicherung von Tres Soles getan zu haben.
Wenn wir schon von Büchern sprechen:
Dieses Jahr ist wieder ein neues Buch von mir herausgekommen. Diesmal ist es ein Lesetheater, das den Titel „Der verkaufte Fluss" trägt. Darin wird der Fluss einer mittelalterlichen Kleinstadt an einen auswärtigen Edelmann verkauft, weil der Vogt ein Darlehen, das er vom König erhalten hat, nicht zurückzahlen kann. Die Bewohner, unter ihnen eine Gruppe von Wäscherinnen, beginnen sich zu wehren. Auch treten eine Bande von Jugendlichen, genannt die Hechte, auf den Plan sowie ein Rudel schwarz gescheckter Hunde, die ihr Unwesen treiben.
Im Verlauf der Auseinandersetzung geschehen seltsame Dinge, ganz so wie sie auch heute noch vorkommen sollen, wie wir zwischen den Zeilen dieses Stückes erkennen können. Das Buch kann in allen Buchhandlungen bestellt werden (Verlag Edition AV, ISBN-Nummer: 978-3-936049-79-4, 18.- Euro).
Mit vielen Grüßen und wieder einmal einem großen Dankeschön für alles
Stefan Gurtner
ANDERE BÜCHER, DIE VON MIR ZUM THEMA BOLIVIEN UND TRES SOLES ERSCHIENEN SIND:
Die Straßenkinder von Tres Soles Über zerstörte Kindheiten, Selbstverwaltung und ein Theater der Unterdrückten in Bolivien, eine DVD inbegriffen, 300 Seiten.
Verlag: Edition AV
ISBN-Nummer: 978-3-936049-79-4
Preis: 18.- Euro
Die Abenteuer des Soldaten Milchgesicht Historischer Roman, 250 Seiten. Schildert die Eroberung des Inkareichs durch die Spanier und wie es zur heutigen Lage in Bolivien und den anderen Andenländern gekommen ist.
Verlag: Edition AV
ISBN-Nummer: 3-936049-62-9
Preis: 14 Euro
Das grüne Weizenkorn - Eine Parabel aus Bolivien, 110 Seiten, mit zahlreichen Illustrationen von K.P.M. Wulff, für ältere Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene. Sie handelt von der Landflucht, die in Südamerika Millionen von Bauern in die großen Städte treibt, in der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Verlag: Edition AV
ISBN-Nummer: 3-936049-40-8
Preis: 11,80 Euro
Krumme Pfote - Eine Geschichte aus Bolivien, 106 Seiten, für ältere Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene. Ein Hund erzählt seine Geschichte und die von vier Straßenkindern in La Paz.
ISBN-Nummer: 3-8850-475-4
Verlag: Elefanten Press oder Beltz&Gelberg (Taschenbuch)
Dieses Buch ist vergriffen, aber über Internet-Anbieter für gebrauchte Bücher erhältlich.
Wenn Ihr diese Bücher kauft, helft Ihr indirekt mit, dass ich meine Arbeit in Bolivien fortsetzen kann. Vergesst außerdem nicht, dass Bücher immer ein sinnvolles Geschenk sind.
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